Ist der Name die Wurzel allen Uebels?

Bei Christiane gibt es mal wieder einen Diskussionsansatz zum Thema der Benutzung von Begriffen wie "normal", "behindert" usw.
Es ist ein blog, das heisst, ein paar Meinungen prallen aufeinander, und damit hat sich´s meist. Es bleibt beim Ansatz. Trotzdem finde ich es gut, sich auszutauschen.

Das Wort "Norm" oder "normal" beschreibt nach seiner Definition das Urmass, das, wonach spaetere "Produkte" geeicht werden. Diese Definition ist eine technische, sie laesst sich auf den Menschen schlecht anwenden. Oder vielleicht doch? So, wie wir humanos beschaffen sind, ist es normal, verschieden zu sein. Verschieden im Vergleich zu wem? Zu jemand anderem, der auch wieder verschieden ist von jemandem, der verschieden ist.
Wir koennen Durchschnittswerte in unseren sozialen Statistiken ermitteln; ueber Koerpergroesse, Gewicht, Einkommen, Hautfarbe, sexuelle Neigungen usw. innerhalb der Bevoelkerung. Das bedeutet aber nicht, dass Leute, die bei irgendeinem dieser Werte ausserhalb des Durchschnitts liegen, nicht normal waeren. Oder, noch schlimmer, dass diejenigen, die komplett in diese Durchschnittsschablonen gepresst werden, normal waeren. Ausserdem ist es schwer vorstellbar, dass es irgendein menschliches Wesen geben sollte, welches komplett in alle moeglichen erstellbaren Schablonen passt.
Auf gar keinen Fall als ganzheitliche Person oder Persoenlichkeit.
Das macht uns alle zu nicht normalen Menschen.
Wenn nun aber etwas auf uns alle zutrifft, dann koennen wir den Spiess ganz schnell wieder umdrehen. Denn ploetzlich ist es ein Attribut, welches auf jeden einzelnen Menschen zutrifft.
Damit wird es doch wieder zur Norm.
So widerspruechlich diese Philosophierereien klingen moegen, komme ich ganz logisch zu dem Schluss:
Es ist normal, nicht normal zu sein..

Derselben Logik folgend ist es etwas schwierig, nicht normale von nicht normalen Menschen trennen zu wollen. Wenn ich also sage "die Normalen", dann muesste ich mich eigentlich auf alle Menschen auf diesem Planeten beziehen. Und das ergibt nicht allzu viel Sinn, denn ich will mich ja nur auf eine bestimmte Menschengruppe beziehen. Mit "normal" - laut dieser meiner These - geht das nicht.
Aber das ist eben nur meine These. Die menschliche Gesellschaft legt andere Massstaebe an und formt die Bedeutung von Begriffen gern nach ihrem Gutduenken um.
Und da stehen wir nun. Mit Christianes und Dorotheas Kritik an der Benutzung des Begriffes "normal" kann ich mich jedenfalls absolut einverstanden erklaeren.

Wie aber sieht das nun mit den - im Sinne oft mangelbehafteten - Bezeichnungen fuer bestimmte Gruppen von Leuten aus?
Fuer so gut wie alles, was unsere Wahrnehmung aufzunehmen in der Lage ist, haben wir Begriffe kreiert. So auch fuer saemtliche physischen oder psychischen Eigenschaften, die uns bei uns selbst bekannt sind. Manchmal war dies gerade zu umwerfend logisch. Fuer Leute, die nicht laufen koennen, wurde ein Gefaehrt, welches ihnen die selbstaendige Fortbewegung ermoeglichte, entwickelt. Das Ding brauchte natuerlich einen Namen. Im Deutschen wurde es zum "Rollstuhl". Ein Stuhl, der rollen kann. Und im Deutschen ist jemand, der ein Fortbewegungsmittel mit Bodenkontakt (was ein Rollstuhl ist) fuehrt, ein /e Fahrer/in.
Und schon war der Begriff "Rollstuhlfahrer" geboren.

Es gibt aber andere Begriffe, deren blosse Erwaehnung oftmals schon das Gefuehl vermittelt, dass der Aussprechende im Schulfach "Diskriminierung" Klassenbester war.
Koennte es aber vielleicht sein, dass dieser Eindruck truegt?
Denn derjenige benutzt doch nur das Wort, welches die Gesellschaft fuer die entsprechende Sache gepraegt hat. Sein es "Behinderte", "Schwule" oder was auch immer. Dieselbe Gesellschaft ist aber auch dafuer verantwortlich, dass die Bedeutung dieser Namen oftmals einen negativen Beiklang bekommen hat. Die Begriffe stehen nicht mehr nur fuer eine bestimmte Gruppe von Menschen - einfach um sagen zu koennen, von wem man redet - sondern sie implizieren haeufig gleichzeitig Vorurteile, Abneigung und Ausgrenzung.

Will aber allen Ernstes jemand behaupten, dass die Begriffe selbst Schuld an der Misere sind? Oder dass diejenigen, die sie benutzen, es in irgendeiner Hinsicht negativ meinen?
Eine Ausnahme gibt es selbstverstaendlich. Einige dieser Begriffe sind in der Umgangssprache so weit vom rechten Weg abgekommen, dass sie als Schimpfwoerter benutzt werden. Und wer dies vorsaetzlich tut, dem gehoert der Mund mit ganz normaler Kuhpisse ausgewaschen. Und zwar so gruendlich, dass das Zeugs auch bis in die letzte Gehirnzelle dringt.

Was nun die Woerter selbst anbelangt, da kann ich mich nur wiederholen. Wir koennten pro Fall 5 neue Begriffe erschaffen. Die wohlklingendsten, die man sich nur in paradiesisch-irdischer Lautverstaendigung vorstellen kann.
Solange das Gros der Menschheit der Gruppe von Leuten, auf die diese neuen Woerter gemuenzt waeren, diskriminierend bis hin zu ablehnend gegenueber steht; solange das Gros der Menschheit nicht bereit ist, alle anderen Menschen als ihresgleichen und gleichwertig anzuerkennen - solange wird jeder Begriff, den man sich ausdenken koennte, nur allzuschnell dieselbe Bedeutung erhalten, wie sie das aktuell benutzte Wort innehat.

"Behinderte", "....with special needs", "discapacitados" --- egal, welche Sprache wir uns ansehen: Ueberall passiert dasselbe. Liegt das daran, dass niemand auf diesem Planeten in der Lage ist, das geeignete Wort fuer bestimmte Dinge zu finden? Bestimmt nicht.
Der (oft negative und abwertende) Sinn, den die menschliche Gemeinschaftspsyche dem gibt, wofuer diese Woerter stehen, duerfte das Problem sein.

Machen wir doch die Probe aufs Exempel!
Hiermit rufe ich alle Leser auf, ein neues Wort zu kreieren, welches man anstatt "Behinderte" benutzen koennte!
Und wenn gerade jemand nicht weiss, was er bloggen soll, dann darf er diesen Aufruf gern uebernehmen.
Das ist ernstgemeint.
2.7.07 22:18
 
Gratis bloggen bei
myblog.de